Aus der RHEINPFALZ vom 6.1.2010:
(Zur Ergänzung: Oberhalb des Artikels sind noch zwei Farbfotos, auf denen der Holzhaufen, in dem die Puppe saß und die Puppe, die wirklich ziemlich echt nach einer schon halb verwesten Leiche aussieht, abgebildet.)
„Leiche” entpuppt sich als „Schatz”
Kaiserslautern: Makabrer Fund im Pfälzerwald – Geocacher setzt Puppe ins Gebüsch – Unverständnis bei Forst und Polizei
Von Gabriele Schöfer
Eine grausige Entdeckung habe ich am Sonntag beim Spaziergang im Pfälzerwald gemacht: Etwa 15 Meter abseits des Weges saß eine offensichtlich leblose Gestalt zusammengesunken unter einem Dach aus Ästen und Zweigen. Schock! Doch wie sich – nach tiefem Durchatmen und einer eingehenderen Inspektion – herausstellte, war es nur eine mannshohe Puppe, die moderne Schatzsucher – so genannte Geocacher – dort platziert hatten.
Aufgespürt hat das gruselige Ensemble mein Hund, mit dem ich unweit des Buchholzfelsens alleine unterwegs war. Zunächst wirkt das Arrangement harmlos: Ein blauer Rucksack fällt mir ins Auge, der unter einem sorgfältig aufgeschichteten „Zeltdach” aus Ästen steht. Ich überlege, was das sein könnte. Vielleicht eine Kamera-Station zum Wildmonitoring? Doch weit gefehlt!
Kaum trete ich näher, entdecke ich zwischen den Zweigen plötzlich Erschreckendes: zwei Wanderstiefel mit den Schuhspitzen nach oben, darin seltsam dünne, in Jeans gewandete Beine. Außerdem ebenfalls knöchern wirkende Fingerspitzen, die aus den Anorakärmeln hervorschauten. Der Kopf samt grüner Kapuze ist auf die Brust gesunken, das bräunliche Gesicht liegt im Dunkeln.
Ich schrecke zurück. Herzklopfen, erst mal weg! Vielleicht ein Selbstmörder, denke ich. Oder ein Obdachloser, der sich unter den Zweigen für die Nacht einquartiert und dort irgendwann in der Kälte auch gleich seine letzte Ruhestätte gefunden hat. So oder so – auf jeden Fall wirkt die verschrumpelte Gestalt, als säße sie schon seit geraumer Zeit an diesem einsamen Waldesort – was sich später bewahrheiten wird.
Schnell die 110 wählen! Doch mein erster Impuls, die Polizei zu rufen, wird vom Funkloch ausgebremst. Deshalb schleiche ich vorsichtig nochmals zurück, um sicherzugehen, dass ich keiner Halluzination aufgesessen bin. Und werde mir nun des kleinen Zettels bewusst, der auf der Brust der „Leiche” liegt: „Edmund und Bruno – wir sind Teil einer GPS-Schatzsuche. Lasst uns bitte hier hängen.”
Also ist das Ding, so realistisch es aussieht, glücklicherweise doch keine Leiche! Erst mal aufatmen! Aber bald kommt auch Ärger auf. Welcher Idiot denkt sich denn solche makabren Scherze aus? Und was hat das mit Schatzsuche zu tun?
Das fragt sich auch die Polizei: „Warum setzt man eine scheinbare Leiche in den Wald? Warum nicht etwas Harmloses?”, meint der Sprecher des Polizeipräsidiums Westpfalz, Arno Heeling, der bislang im gesamten Zuständigkeitsbereich von keinem derartigen Fall gehört hat. „Zumindest theoretisch” handele es sich dabei nicht nur um „eine Belästigung der Allgemeinheit”, sondern um versuchte Körperverletzung. „Wenn zum Beispiel ältere Leute so erschrecken, dass sie Schaden nehmen.” Auch die Leiterin des Lauterer Forstamts ist empört: „In so drastischer Form habe ich das im Zusammenhang mit Geocaching noch nicht erlebt”, sagt Ute Fenkner-Gies. Wenn die GPS-Schatzsucher Kästchen oder ähnliche harmlose Objekte im Wald versteckten, sei dies in Ordnung. „Aber bei solch makabren, geschmacklosen Objekten hört der Spaß auf. Es mag zwar kein Gesetz dagegen geben, aber das Ding wird sofort beseitigt.”
Noch am Montag machen sich der zuständige Revierförster und ein Kollege ans Werk und reißen das Ensemble auseinander. Auch sie schütteln nur den Kopf angesichts des Aufwands, der da betrieben wurde: Die etwa 1,70 Meter große Puppe besteht aus Latten, die an den „Gelenken” mit Schnüren verbunden sind, als Kopf dient ein Ball. Angezogen und zwischen den Ästen arrangiert wirkt das alles sehr überzeugend. „Ich hätte mich auch erschrocken”, bekennt einer der Männer.
Ob „Kruemelchen”, wie sich der Schöpfer der Puppe nennt, das bezweckt hat? Denkt er oder sie überhaupt noch an seinen „Schatz” droben im Wald? Denn „Edmund” sitzt offensichtlich schon lange dort, wie am „Begleitschreiben” im Rucksack zu erfahren ist. Dort schildert der Wandersmann nämlich seinen Zusammenstoß mit Bruno, der als „Problembär” verunglimpft wurde, bis man ihn 2006 erschoss.
Davon weiß „Edmund” aber nichts, denn er wartet in seiner imaginären Welt noch immer drauf, dass Bruno in die Bärengrube fällt, die laut Begleittext irgendwo ganz in der Nähe ist. Hoffentlich ist inzwischen kein anderer hineingefallen…
SCHOEFG
Quelle:
Verlag: DIE RHEINPFALZ
Publikation: Mittelhaardter Rundschau
Ausgabe: Nr.4
Datum: Mittwoch, den 06. Januar 2010
Seite: Nr.21
“Deep-Link”-Referenznummer: ’5909031′
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